Dienst an der Schöpfung

Barden erzählen Geschichten. Dies ist eine davon 

Dienst an der Schöpfung

Es war einmal ein Volk am Rande eine Tiefebene im Norden des Landes. SDort herrschte ein rühriger König achtsam über sein Volk, auf dass es seinen Untertanen an nichts mangele. Die Böden des Landes waren fruchtbar und die Berge voller Erz.

Hier musste niemand Hunger leiden und die Bürger der Städte und Dörfer trieben regen Handel. Das gute Leben hier, so erzählten sich die Menschen, war dem jährlichen Opfer an den Drachen zu verdanken. Denn wie an so vielen Orten zu dieser Zeit lebte auch hier, zurückgezogen im Wald, versteckt in einer dunklen Höhle, ein Drache. Selten war er zu sehen, aber die Gerüchte über ihn machten schnell die Runde durchs Land. Tiere und Menschen soll er fressen. Ganze Herden verschlingen und Dörfer mit seinem feurigem Atem auslöschen. Damit das nicht geschehen würde, gab es nur eine Möglichkeit den Drachen zu besänftigen und das kennt jedes Kind: Das Opfern einer Jungfrau

Denn ein zauberkundiger Berater des Königs hatte irgendwann mal erklärt, der Drache hätte ihnen vor langer Zeit erzählt, er würde ihnen nur Schutz gewähren können, wenn sie ihm das höchste Gut des Menschen opfern würden.
Der Drache hätte aber kein Gold und keine Juwelen angenommen und auch die Rinder verschmäht. Erst als sich eine Jungfrau geopfert hatte, hat er sich gnädig gezeigt. Oder es müsse sich ein edler Ritter bereit erklären gegen den Drachen in den Kampf zu ziehen und ihn zu töten.
Ab und zu hatten es einige schon versucht – aus Liebe zu einer Jungfrau oder um des Ruhmes willen. Doch keiner von ihnen war jemals lebend zurück gekehrt.
Jedes Jahr zur gleichen Zeit im Frühling, bevor die Saat auf die Felder ausgebracht wurde, fand eine Lotterie statt mit der das Opfer ausgelost wurde. Die Namen aller Jungfrauen im Lande kamen in einen großen Kessel, der Berater des Königs zog ein Los heraus und verkündete den Namen des Mädchens welches in diesem Jahr zur Höhle des Drachen gebracht wurde.
Dieser Tag war immer ein riesiges Fest im ganzen Lande. Und obwohl es den Tod eines Menschen bedeutete, so war es doch auch ein Fest der Hoffung und der Freude. Was für eine Ehre war es für das ausgewählte Mädchen für ihr Volk zu sterben und es so vor Hunger und Leid zu bewahren. Sie wurde wie eine Braut zurecht gemacht und mit einer geschmückten Kutsche in den Wald gefahren. Die Mädchen waren vor Angst ganz starr und schweigsam. Denn ein schreiendes, sich wehrendes Opfer schmeckt dem Drachen nicht, erzählte man sich. Aus diesem Grund erhielten die Jungfrauen von den weisen Frauen des Dorfes ein Getränk aus Kräutern, das sie ruhig uns gelassen ihrem Schicksal gegenüber treten lies. Dorthin begleiteten nur noch wenige tapfere Ritter den Wagen, bis auf den Platz kurz vor der Höhle des Drachen. Sie banden die Jungfrau mit einer Kette an einen Holzstamm, an dem schon viele Brand- und Krallenspuren sichtbar waren und verließen fluchtartig den Wald

Der Drache verließ seine Höhle stets bei Einbruch der Dunkelheit. Im weichen Zwielicht des sterbenden Tages sah er am Besten. So war es auch an diesem Tage. Er glitt behände zwischen den Steinen hinaus, bewegte sich lautlos zum Opferplatz und stutze – denn dort war nicht nur ein Mensch, sondern zwei. Die an den Pfosten gekettete Jungfrau und etwas abseits neben ihr auf einem Stein sitzend ein junger Mann. Sollte sich wieder mal ein Ritter zu ihm gewagt haben? Doch nein, es war kein Ritter. Er trug keine glänzende Rüstung, kein starres Schwert und sonstige Waffen, welche die Ritter gerne aufbauten um ihn zu bekämpfen. Die magere Gestalt wirkte ärmlich, in einem dünnen zerschlissen Umhang, wie ein Bauernjunge oder ein Bettler.

Verwirrt durch diesen Anblick stieß der Drache ein paar Steine um und erweckte so die Aufmerksamkeit des Jungen. Er stand auf und sah dem Drachen entgegen. Kein Entsetzten spiegelte sich in seinem Gesicht, nur ein leichter Anflug von Unsicherheit. Mutig der Kleine, dachte sich der Drache. Wo hat er seine Waffe versteckt? Nicht mal ein Knüppel war in seiner Hand zu sehen. Dabei fiel ihm auf, das der Junge einen Arm in einer Schlinge trug und seine Hand verkrüppelt war. Der junge Mann trat dem Drachen ein paar Schritte entgegen, verbeugte sich und lies sich auf sein Knie niedersinken und sprach:

„Drache, ich bin zu dir gekommen und ich knie vor dir, mit der Bitte mich als Opfer zu akzeptieren. Ich bin nur ein armer Krüppel, habe keinen Hof und kein Gut, keine Familie mehr die um mich trauern kann. Ich bin eine Last für das Land, ich habe keine Möglichkeit ihm zu dienen. Sie jagen mich von einem Dorf zum nächsten. Ich habe in diesem Leben nicht mehr viel zu erwarten. Wenn die Ernte des Volkes nicht gut wird, werde ich im nächsten Winter an Hunger sterben oder an der Kälte erfrieren. Und so wie mir, wird es dann vielen Anderen auch ergehen. Wenn du mich als Opfer annimmst, so kann ich meinem Volk auf die beste Weise dienlich sein.“

Der Drache öffnete seinen Rachen und erschreckte den armen Jungen dadurch, dass er kein Feuer spie, sondern zu ihm sprach: „Welch eine noble Geste. Viele edle Ritter standen hier vor mir und wollten ihrem Volk dienen, indem sie mich bekämpften, aber keiner von ihnen wollte seinem Volk freiwillig sein Leben schenken. Das Leben ist das höchste Gut, welches ihr Menschen zu haben glaubt.“

Der Junge Mann blickte erstaunt in die Augen des Drachen. Alle Angst war von ihm abgefallen und die Verwunderung ließ ihn sogar lächeln. „Ihr sprecht?! So sind die alten Mythen wahr, das ihr die Beschützer des Landes und des alten Volkes seid.“

„Ja, es ist wahr. Vertraue den Alten und nicht der Angst. Es ist immer anders, als es scheint. Ich jage um Leben zu schützen, ich brenne nieder um Fruchtbarkeit zu ermöglichen.“ „Du bist sicher, das du dich freiwillig opfern willst ?“ fragte der Drachen nochmals.
“Ja,“ antwortete der Junge. „Jetzt umso lieber, denn nun weiß ich ganz sicher, das mein Tod nicht umsonst sein wird. Von Herzen gern werde ich mein Leben geben.“

„Gut. So soll es sein!“ sprach der Drache und trat näher auf den Knaben zu. Der schloss seine Augen und der heißen Atem des Drachen ließ sein Bewusstsein schwinden. So spürte er keinen Schmerz mehr, als seine Haut vom Feuer berührt wurde und sein Fleisch verbrannte. Warm umfingen ihn die Klauen und Kiefern des Drachen und hoben ihn vom Boden. Er glitt den Schlund hinab, wie in einem weichem Fluss umspült. Schicht um Schicht löste sich sein Körper auf, bis am Schluss nur noch ein flackerndes wärmendes Leuchten im Bauch des Drachen übrig blieb. Ein Seelenlicht, die Essenz des Menschen. Der Drache war zufrieden. Nicht alle Menschen trugen noch ein Seelenlicht in sich.
Bei den meisten Jungfrauenopfern war es von der Angst verzehrt und bei den meisten Rittern vom Hass und Zorn zerfressen. Aber dieses hier, des armen Burschen, war hell und kraftvoll.

Der Drache löste die Ketten des Mädchens, damit es am anderen Morgen, wenn es erwachte nach Hause zurück kehren konnte und begab sich wieder in seine Höhle zurück.

Hier wartete er auf das was nun mit ihm geschehen würde. Denn das Seelenlicht eines Menschen hat eine ganz besondere Eigenschaft. Es ist unzerstörbar. Deshalb fressen Drachen normalerweise keine Menschen, das ist nur eine alte Legende. Das Seelenlicht des Menschen in ihm blieb lebendig und wuchs heran. In dieser Zeit lernte die Seele alles was es zwischen Himmel und Erde zu wissen gab. Einige Monate später gebar der Drache ein neues Wesen. Doch es hatte nicht die Form eines Drachen, sondern es war ein Abbild des Menschen, welcher er vorher war. Diese Menschen sind etwas ganz Besonders. Sie haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Sie tragen das Wissen der Drachen in sich. Sie werden wiedergeboren, um den Menschen zu helfen und der Schöpfung zu dienen.

So erfüllte sich der Wunsch des Knaben und auch das Anliegen der Drachen auf dieser Welt. Die einst gekommen waren um den Menschen zu helfen und der Schöpfung zu dienen. Aber aus Unwissenheit und Angst wurden sie verfolgt und vernichtet und die letzten ihrer Art mussten neue Wege und neue Formen finden, um ihre Aufgabe zu lösen. So wurden Drachen zu Menschen. Einige von ihnen gibt es immer noch und vielleicht gibt es einen ganz in deiner Nähe.

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